Mitmachen und immer am Ball bleiben
Es ist leichter gesagt, als getan: Kinder zur Bewegung zu animieren. Aber machen die lieben Kleinen dabei auch mit? Wie es am besten geht, erklärt Renate Zimmer, Professorin für Sportwissenschaft an der Universität Osnabrück.
Das A und O für die Motivation von Kindern ist das Mitmachen. „Ich kann ein Kind nicht animieren, wenn ich als Eltern nicht selber zeige, wie wichtig mir die Bewegung ist“, erklärt Renate Zimmer. Die Eltern sind das Vorbild, und wenn die zu Hause die Beine hochlegen, dann sagt das Kind zurecht: „Du machst ja selber nichts!“

- Renate Zimmer
Es ist gar nicht so schwer: „Komm, wir gehen zusammen raus, spielen Fußball, machen eine Fahrradtour oder laufen um den Häuserblock“. Die Kinder freuen sich, dass die Eltern mitmachen, und den Eltern tut die Bewegung ebenfalls gut. Schalten die Kinder trotzdem auf stur, dürfen die Eltern weder drängen noch drohen: „Verlocken und führen Sie die Kinder“, rät die Expertin. Dabei sollten die Eltern auf keinen Fall Süßigkeiten oder Multimedia-Konsum als Lockmittel verwenden. „Das bringt für die Motivation nichts. Im Gegenteil“, räumt die Sportwissenschaftlerin mit einer verbreiteten Meinung auf. Stattdessen hilft die verbale Unterstützung, oder auch einmal Bewunderung sowie die Aufmerksamkeit der Eltern. Und eben das Mitmachen. Die Kinder belohnen sich selbst allein durch die Bewegung. Der Lohn kommt von innen, weil sie spüren, dass sie sich gern bewegen.
Bei der Geburt fängt es an
Das beginnt mit der ersten Sekunde des Lebens. Denn mit dem Moment der Geburt ist das Baby auf Bewegung ausgerichtet. „Alles, was beim Wickeln, beim Baden oder beim Eincremen gemacht wird, sind wichtige Sinneserfahrungen und Bewegungsimpulse. Wenn das Kind beim Wickeln mit den Beinen strampelt und sich Mutter oder Vater spielerisch von ihm „wegtreten“ lassen, dann erkennt das Baby, dass es mit Bewegung etwas bewirken kann“, erklärt die Professorin. Es spürt seine Körperkraft und über diese gemeinsamen Übungen baut sich die Beziehung zum Kind auf: „Auch Fingerspiele sind Übungen der Feinmotorik und der Koordination - auch wenn sie von Eltern und Kindern natürlich nur als gemeinsames Spiel empfunden werden“ Dabei werden Bewegungsimpulse gesetzt. Das passiert auch beim Hoppe-Hoppe-Reiter oder beim Spielen und Balgen auf dem Teppich. Wichtig hierbei: Die Eltern müssen sich auf die Ebene des Kindes begeben. Also: Mit runter auf den Teppich.
Dabei gibt es kein besonderes Regelwerk, wann ein Kind eine besondere Bewegung können muss. Die Entwicklung des Gleichgewichtsgefühls oder der Bewegungskoordination verläuft von Kind zu Kind verschieden. Wichtig ist, die Motivation des Kindes an der Bewegung aufrecht zu erhalten. Aber bitte nicht permanent mit neuen Aufgaben überfordern. „Ich muss beobachten, an welcher Stelle das Kind mitmacht und wo ich ihm durch eigenes Zutun Unterstützung geben kann – um auch mal etwas zu wagen, wenn das Kind vielleicht Ängste hat und sich nicht traut“, erläutert Renate Zimmer. Immer am Ball bleiben: erst den Ball zurollen, später zuwerfen. Irgendwann wird das Kind den Ball dann fangen. Ein anderes Beispiel: Das Gleichgewichtsgefühl für den Schwebebalken erhält das Kind in den unterschiedlichsten Spielsituationen, in denen es z.B. das Gleichgewicht beim Balancieren auf der Bordsteinkante übt.
Kinder klettern lassen
Übertriebene Ängste sind falsch. Kinder klettern gern auf Bäume, da müssen Eltern durch. Vertrauen ist gefragt: Mein Kind schafft das schon. Denn Kinder müssen lernen, augenscheinliche Gefahren selbst zu erkennen. Die Eltern greifen erst dann ein, wenn das Kind die Gefahren nicht erkennen kann – bei einem morschen Ast zum Beispiel. Klettern fördert zudem die sieben Sinne, insbesondere Bewegung, Gleichgewicht, und Tasten. Aber nicht nur Klettern ist gut für die Sinnesbildung: „Jede Bewegung aktiviert die Sinne“, sagt Renate Zimmer.
Keine Bewegung fördert den Zappelphilipp
Bewegungen sind auch gut für die Entwicklung des Gehirns. Ein Beispiel: Kinder fragen sich, wenn sie klettern: Welcher Ast trägt und wie komme ich in die Spitze des Baums? Um das Problem zu lösen, kommt die Netzwerkbildung der Synapsen im Gehirn auf Touren. Die Informationen werden verarbeitet, das Problem gelöst. Das schult die Intelligenz! Und durch zuviel Bewegung wird kein Kind zum Zappelphilipp. „Im Gegenteil! Zu wenig Bewegungsmöglichkeiten im Alltag macht Kinder unruhig“, so die Erklärung. Ist ein Kind von Natur aus unruhig, empfiehlt die Expertin, ihm mehr Gelegenheiten zum Einsatz des eigenen Körpers, zum Schaukeln, wippen und springen zu geben Wenn es zu viel wird, helfen Rituale und klare Grenzen, um das Kind zur Ruhe kommen zu lassen.
Die Eltern dürfen keine Angst vor einer Überforderung der Kinder haben. Kinder melden sich, wenn sie nicht mehr weiter wollen. Sie haben ein gesundes Gespür, dafür, wenn es zu viel wird.
Renate Zimmer: Engagement für eine bewegte Kindheit
Professor Dr. Renate Zimmer ist Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt „Frühe Kindheit“ und Direktorin des Niedersächsischen Instituts für Frühkindliche Bildung und Entwicklung. Seit vielen Jahren engagiert sie sich für eine „Bewegte Kindheit“ und hat bereits 35 Bücher zur Entwicklungsförderung verfasst. Als Kind favorisierte sie Spiele, die mit Suchen, Verstecken und Abenteuer zu tun haben, später war sie im Kunstturnen aktiv.. Heute sucht sie sich immer noch Sportarten in der Natur: Skifahren, Schwimmen. Renate Zimmer tanzt gerne und mag alles, was mit Musik und Rhythmus zu hat. Sie ist für ihr bildungs– und gesellschaftspolitisches Engagement für Kinder 2007 mit dem Bundesverdienstorden ausgezeichnet worden. Die Zeitschrift Unicum Beruf verlieht ihr den Titel „Professorin des Jahres 2009“.







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